Schwerpunkte & Praxisbeispiele
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Jakob Rosenow
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Ev. Trägergruppe für gesellschaftspolitische Jugendbildung Auguststraße 80 10117 Berlin
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Religion, Migration und Vorurteile als Inhalte politischer Jugendbildung
Evangelische Akademie Bad Boll
Ev. Trägergruppe für gesellschaftspolitische Jugendbildung
Drei neue Workshopformate aus dem Projekt „Alles Glaubenssache?“
Wie kann ein Workshop konzipiert sein, um mit jungen Menschen zu Religion, Migration oder Vorurteilen ins Gespräch zu kommen? Im Projekt „Alles Glaubenssache?“ wurden an der Evangelischen Akademie Bad Boll in den letzten Jahren mit Schüler*innen Workshops zu einem breiten Portfolio durchgeführt. Drei neue Workshopformate liegen nun als Material für die Umsetzung durch Multiplikator*innen aufbereitet vor:
- „Ich sehe was, was du nicht siehst“ zu Vorurteilen, Stereotypen und interkultureller Begegnung,
- „Religion. Ich. Wir“ zu Religion, Identität und Gesellschaft mit einem Modul zu religiös begründeter Diskriminierung (Antisemitismus und antimuslimischem Rassismus),
- „Koffergeschichten“ mit autobiografischen Erzählungen zu Flucht, Migration und Ankommen in Deutschland.
Da „Alles Glaubenssache?“ auf die Kooperation im Bundesprogramm Respekt Coaches im schulischen Kontext ausgerichtet war, entstanden auch die Materialien ursprünglich für die Arbeit mit unterschiedlichen Schulklassen – von Haupt- und Gemeinschaftsschulen bis hin zu beruflichen Schulen sowie von Sprachlernenden über Förderschüler*innen bis hin zu Schüler*innen kurz vor dem Schulabschluss – und wurden vor allem auch dort erprobt. Im Format „Koffergeschichten“ kommen gleich zwei Teilnehmende eines solchen Workshops selbst in Video und Podcast zu Wort. Diese direkte Beteiligung begründet sich auch aus einer wichtigen Erkenntnis aus dem Projekt: Junge Menschen im Bildungskontext sind es meist nicht gewohnt, sich „frei“ und ohne Notendruck mit Themen auseinanderzusetzen und ihre Meinung zu äußern, ohne dass eine Bewertung stattfindet, sondern ein Austausch darüber. Einen Rahmen bildet dabei die freiheitlich-demokratische Grundordnung.
Erfahrungen aus der Praxis
Bei den Formaten „Religion. Ich. Wir“ und „Ich sehe was, was du nicht siehst“ zeigte sich dies vor allem bei Übungen zur Auseinandersetzung mit Vorurteilen und Rassismus sowie in einer Vielzahl von Diversitätsthemen, wie beispielsweise Queerness oder aktuellen politischen Entwicklungen wie dem Nahostkonflikt. Diese Themen beschäftigen die jungen Menschen, haben aber im normalen Schulalltag oft keinen Platz. Ganz besonders deutlich wurde das bei „Koffergeschichten“: In der Zusammenarbeit mit einer VABO-Klasse (Schulform zum Erwerb von Deutschkenntnissen an beruflichen Schulen) bekamen die Schüler*innen den Raum, um mit ihren jeweiligen sprachlichen Möglichkeiten ihre eigenen Geschichten zu erzählen, und trafen auf Menschen, die ihnen dabei zuhörten – etwas, das viele von ihnen bisher noch nicht kannten oder einige von ihnen nur vor dem Hintergrund des Asylverfahrens erlebt hatten.
Trotzdem zeigte sich in mehr als dreieinhalb Jahren Arbeit im Projekt „Alles Glaubenssache?“ in Bad Boll und Baden-Württemberg auch die Unterschiedlichkeit der jungen Menschen: Manche beteiligten sich viel und gerne an Diskussionen und erzählten von sich, andere waren sehr ruhig und bearbeiteten Aufgaben lieber allein; manche brachten viele Vorerfahrungen zu den Themen mit und waren beispielsweise selbst sehr religiös oder von Diskriminierung betroffen, andere hatten bislang gar keinen Bezug dazu. Ebenso waren auch die Gegebenheiten an den Kooperationsschulen sehr unterschiedlich.
Wichtig war Maren Janetzko, Projektkoordinatorin der regionalen Fachstelle in Bad Boll, bei der Konzeption der Workshopformate deshalb ein direkter Bezug der Inhalte zur Lebenswelt der jungen Menschen, der auch ihre Diversität berücksichtigt und für alle Teilnehmenden Anknüpfungspunkte bietet, sowie ein flexibler Einsatz in der Arbeit mit den jungen Menschen hinsichtlich räumlicher Rahmenbedingungen, Materialien, vorausgesetztem Sprachniveau, Vorkenntnissen und zeitlichem Umfang. Dabei wird auch das #etpraxistool „Illustrationen und Methoden zum Zusammenleben in Diversität“ genutzt.
Die oben verlinkten Materialien zu den drei Workshopformaten können von Multiplikator*innen in der Arbeit mit jungen Menschen (Schulsozialarbeiter*innen und andere Fachkräfte der Jugendarbeit und Jugendsozialarbeit, Lehrkräfte, Ehrenamtliche) kostenlos genutzt werden. Die Handreichungen beinhalten eine Einführung in das jeweilige Thema sowie Informationen zur Umsetzung des Workshops, etwa einen exemplarischen Workshopablauf oder Themenblöcke mit möglichen Fragen sowie weiteres Material und Hinweise. Das ermöglicht der Workshopleitung eine gezielte Vorbereitung und eine hoffentlich rege Nutzung der Workshopformate auch über das Projektende hinaus – denn die Erfahrung hat gezeigt, wie wichtig diese drei Themenfelder auch in der aktuellen Zeit für junge Menschen sind.
